Über den Autor

Fot. Inka U. Rosocha

Meine Kindheit und frühe Jugend verbrachte ich in Gdynia/Polen an der Ostseeküste. Vielleicht war es der Anblick des offenen Meeres und des Horizonts, der meine Liebe zum Reisen weckte.
Meine eigentliche Reise begann 1984, als ich als Übersetzer für das polnische Studentenreisebüro Almatur an einer Expedition nach Indien und Nepal teilnahm. Damals kam mir nicht in den Sinn, dass dies der Vorbote eines viel größeren Asien-Abenteuers sein würde. Wir reisten zwei Monate lang von Delhi über Nordindien nach Nepal. Wir unternahmen eine Trekking-Tour zum Annapurna-Schutzgebiet und kehrten dann nach Kalkutta zurück. Von dort reisten wir zwei Tage und zwei Nächte lang mit dem Zug nach Bombay. Leider habe ich in der dritten Woche meine Zenit-Kamera aus sowjetischer Produktion im Zug verloren, sodass ich nicht mehr viele Fotos von dieser Reise besitze. Heute, da man mit jedem Mobiltelefon Hunderte von Fotos machen und in der Cloud speichern kann, ist es nur schwer nachzuvollziehen, was für ein großer Verlust dies für mich war. Dennoch war die Reise für mich ein großer Gewinn. Ich kannte bis dahin nur die graue und hoffnungslose polnische Realität der 1980er Jahre, aber nun war meine Faszination für Indien und Nepal geweckt. Der Wunsch, in diesen Teil der Welt zurückzukehren, hat mich danach nie mehr verlassen.
1986 kam ich zu Thomson – einem multinationalen Elektronikunternehmen aus Frankreich. Die Firma bot mir einen Job in Singapur an, und so fand ich mich mit meiner Familie, meiner Frau und zwei Kindern, im Herzen Asiens wieder. Dieser Stadtstaat, hauptsächlich bewohnt von chinesischen, malaysischen und indischen Migranten, ist ein Schmelztiegel verschiedener Sprachen, Kulturen und Religionen. Auf einem kleinen Stück Land leben Buddhisten und Hindus, Sikhs und Taoisten, Muslime und Christen weitgehend friedlich und harmonisch in enger Nachbarschaft. Niemand wundert sich über das Nebeneinander von Moscheen, Tempeln und Kirchen oder über die Vielzahl religiöser Feste.
Während dieser Zeit entdeckte ich die Arbeit eines amerikanischen Fotografen und Reisenden, Steve McCurry, der viel in Asien fotografiert hatte. Jahre später, im Jahr 2008, hatte ich das Glück, McCurry in Singapur zu treffen. Er nahm an der Eröffnung seiner Ausstellung mit dem Titel The Unguarded Moment teil. Er sprach über seine Arbeit aus fotografischer Sicht und erwähnte auch die Umstände, unter denen seine berühmtesten Fotos entstanden sind. Durch das Treffen mit McCurry begann die nächste Etappe meiner Lebensreise, und meine verborgenen Träume, die um das Thema Fotografie gekreist hatten, nahmen langsam Gestalt an.
Im Jahr 2002 befand ich mich in einer sehr schwierigen persönlichen Situation, die zu einem echten Wendepunkt in meinem Leben wurde. Um mit meinen Problemen umgehen zu können, suchte ich Hilfe in der Meditation. Glücklicherweise traf ich einen Benediktinermönch, Laurence Freeman, der nach Singapur gekommen war, um ein Meditationsretreat für die World Community for Christian Meditation (Weltgemeinschaft für Christliche Meditation) zu leiten. Die Begegnung mit Pater Freeman und der Gemeinschaft war ein entscheidender Moment in meiner religiösen und spirituellen Entwicklung.
Ich nahm mir Zeit zum Meditieren und zum Besuch verschiedener religiöser Stätten, und so gewann ich erste Einblicke in die Grundlagen des Glaubens und der Spiritualität von Hindus, Muslimen, Buddhisten, Taoisten und Sikhs. Ich lernte wunderbare Menschen kennen und fand Freunde, die mich einluden, sie auf ihren Yatras zu begleiten – Pilgerreisen zu ihren heiligen Stätten in Indien, Pakistan und Sri Lanka. Zunächst fotografierte ich auf diesen Reisen als Geste der Dankbarkeit gegenüber meinen neuen Freunden, dann aber begann die Arbeit mit der Kamera mit meiner eigenen spirituellen Transformation zu verschmelzen. Das Interesse an Menschen, die sich zu anderen Glaubensrichtungen bekennen, wuchs, und der Wunsch, diese Faszination in Fotos festzuhalten, war geboren. Als ehemaliger orthodoxer Katholik aus Polen begann ich zu erkennen, dass religiöse Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich auf spannende Weise zu einem großartigen Kaleidoskop verdichten. Je klarer die Konturen dieses Buntglasfensters für mich wurden, desto reicher und schöner wurde es. Ich entdeckte Begriffe und Ausdrücke aus anderen spirituellen Sprachen und lernte, sie im Kontext meines eigenen Glaubens zu verwenden. Schriften anderer Traditionen warfen plötzlich ein ganz neues Licht auf die der Bibel zugrunde liegende Wahrheit. Nicht lange, da hatte sich mir ein großes Mosaik asiatischer Spiritualität enthüllt.
Im Jahr 2012 kam ich während einer meiner Fotoreisen in einen christlichen Ashram in Aanmodaya bei Kanchipuram/Südindien. Ich wurde herzlich von Pater Joseph Samarakone OMI (1941–2017) empfangen. Er war Einsiedler und Theologe und griff in seinen Werken immer wieder auf die spirituelle Weisheit des Ostens zurück. Im Ashram-Tempel fand ich links neben dem Hauptaltar eine Sammlung von Schriften verschiedener Religionen. Neben dem Koran, der Bhagavad Gita, der Bibel, dem Großen Buch des Tao und dem Dhammapada sah ich ein Buch mit dem Titel Universal Wisdom. A Journey Through the Sacred Wisdom of the World (Universal Wisdom. Eine Reise durch die Weltreligionen), geschrieben von dem englischen Benediktinermönch Bede Griffiths (1906–1993). In der zweiten Hälfte seines Lebens hatte Bede Griffiths fast vierzig Jahre lang in christlichen Ashrams in Indien, Kerala und Tamil Nadu, gelebt und die philosophischen und spirituellen Traditionen der größten Weltreligionen studiert. Dieses Buch, das er gegen Ende seines Lebens schrieb, faszinierte mich. Es besteht zum größten Teil aus umfangreichen Auszügen aus den Weisheitsbüchern der sieben großen religiösen Traditionen. Allerdings hat der Autor in der Einleitung sein spirituelles Testament mit aufgenommen. Es besteht in seiner Überzeugung, dass es möglich ist, die religiösen Unterschiede zu überwinden, sobald es gelingt, zu dem vorzudringen, was den Kern einer jeden Religion ausmacht. Es ist mir eine Ehre, dieses Album durch diese Passage einleiten zu dürfen.
Für mein Leben als Fotograf hatte ich Fotos von vielen verschiedenen berühmten Fotojournalisten studiert. Auch dadurch begann ich zu verstehen, was ich einfangen wollte und worauf ich bei meinen Reisen zu achten hatte. Steve McCurry inspirierte mich und zeigte mir Asien durch die Linse seiner Kamera, und ein anderer großartiger Fotograf, Tomek Sikora, half mir, indem er meine Fotos begutachtete – wenn ich mich traute, sie ihm zu zeigen. Er gab mir unschätzbare Tipps und ermutigte mich, mehr und bessere Fotos zu machen. So reiste ich durch die Länder Südostasiens, durch Indien, Nepal und Tibet und versuchte, die universelle Dimension der menschlichen Spiritualität, unabhängig von der Religionszugehörigkeit, fotografisch festzuhalten. Beiden Mentoren schulde ich große Dankbarkeit.
Ich werde oft gefragt, wie ich meine Fotografie beschreiben würde. Ich denke, das Schlüsselwort ist hier „Intimität“ sowohl auf spiritueller als auch auf menschlicher Ebene. Vielleicht lassen Sie mich diese Fotos als The Inward Moment (Der innere Augenblick) bezeichnen – in den Fußstapfen der großen Meister der Fotografie, die das Wort ‘Moment’ zur Beschreibung ihrer Fotos verwenden. Der erste war Henri Cartier-Bresson, der 1952 seine ikonische Monografie The Decisive Moment betitelte. Steve McCurry verwendet in seinen Publikationen den Begriff The Unguarded Moment, und Geoff Dyer hat sein Buch, das Bilder berühmter Fotojournalisten beschreibt, The Ongoing Moment betitelt.
Beim Fotografieren versuche ich, den Moment der geistigen Verwundbarkeit und gleichzeitig den inneren menschlichen Moment einzufangen. Jenen Moment, in dem ein Mensch – allein oder in einer Gruppe – versucht, in eine Beziehung mit dem Heiligen zu treten, was in jeder Religion anders benannt wird. Ich hoffe, durch meine Fotos die Gültigkeit der verschiedenen spirituellen Wege zu vermitteln, auf denen wir alle gleichberechtigt unterwegs sind. Wir kommen alle aus der einen Quelle, und wir streben alle nach der gleichen heiligen Beziehung.
Ich bin all den namenlosen Helden meiner Fotos sehr dankbar für das Zeugnis ihres großen Glaubens, dass wir eines Tages gemeinsam „DORT“ ankommen werden.

Andrzej Ziolkowski Fotografie